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Jetzt, am Beginn der dunklen Jahreszeit, stellt uns Katja Lang „Licht im Winter“ in Aussicht. Für die Ausstellung, die wir heute gemeinsam hier eröffnen wollen, hat sie – wenn auch nicht ausschließlich, so doch viele – Wintermotive ausgewählt. Zart, fast durchsichtig zeigen sich die Landschaften, die sich zwei speziellen Techniken verdanken. Einerseits der Radierung, einem Verfahren, dass die Herstellung mehrerer Originaldrucke von einer Radierplatte erlaubt. Andererseits dem Aquarell, das die Künstlerin sehr eigenwillig nicht in differenzierten Farben, sondern ausschließlich aus schwarzen und grauen Lasuren baut. Eine Ausstellung, vorwiegend schwarz-weiß also, und eine Ausstellung, in der das Licht eine dominierende Funktion hat.
Die frühesten Werke dieser Schau stammen aus dem Jahr 2009, als Katja Lang ein Künstler-Buch mit 10 Radierungen zu Wilhelm Müllers Zyklus „Winterreise“ vorlegte. Die Texte, von Franz Schubert kongenial vertont, regten die Künstlerin zu subtilen Landschaftsdarstellungen an. Aber anders als der romantische Liederzyklus verlieren sich ihre Schneelandschaften nicht in äußerster Resignation, sondern die stille Schönheit weißer Flächen korrespondiert mit dem grafischen Lineament von Büschen und Bäumen. Und wo der Wanderer unterwegs ist, sind vor ihm schon andere Menschen gegangen, wie ihre Spuren im Schnee aufzeigen.
Überhaupt spielt die Landschaft als Motiv eine zentrale Rolle im Schaffen von Katja Lang. Die Ausstellung präsentiert nicht nur Winterbilder, sondern Landschaften allgemein, etwa die Radierungen „Uferweg“ oder „Elbwiesen“. Titel wie „Einsiedel“, „Die Elbe“ oder „Erzgebirge“ machen genaue Angaben zu den dargestellten Örtlichkeiten. Die Grafik-Mappe „Heimat“ entstand in diesem Jahr zu dem bekannten Text „Vereinsamt“ von Friedrich Nietzsche, Sie kennen ihn sicher. Ich zitieren den Anfang: „Die Krähen schrei’n / Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: / Bald wird es schnei‘n – / Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!“ Dieses komplizierte und mehrdimensionale Gedicht, das nicht nur als Verlust von Heimat gelesen werden kann, sondern auch als bewusste Abkehr von ihr, hat Katja Lang entsprechend offen und mehrdeutig umgesetzt. Ihre Grafiken sind sowieso keine Illustrationen im engeren Sinne des Wortes, sondern Annäherungen an die Texte und zugleich Neuinterpretationen mit anderen, eben den bildnerischen Mitteln.
Offenbar spielt die Literatur als Impulsgeber im Schaffen Katja Langs eine wichtige Rolle. Denn die Radiermappe „In Apulien“ folgt wieder einem literarischen Text: dem gleichnamigen Gedicht von Ingeborg Bachmann. „Unter den Olivenbäumen schüttet Licht die Samen aus, / Mohn erscheint und flackert wieder, / fängt das Öl und brennt es nieder, /und das Licht geht nie mehr aus.“ lautet die erste Strophe. Auch hier geht es Katja Lang nicht um eine direkte Umsetzung des Gesagten. Vielmehr geben die Radierungen – übrigens wieder ganz aktuelle aus diesem Jahr – ihre eigenen Reise-Erinnerungen an das Land im äußersten Süden Italiens wieder. Und wo sie sich an touristische Höhepunkte wagt, die „Kathedrale am Meer“ in Trani etwa oder das „Castel del Monte“, tut sie es nicht aus der verschlissenen Perspektive farbiger Reiseführer, sondern so, als hätten wir alle das Motiv noch nie gesehen. Ganz offensichtlich ist es das gleißende Licht über der weißen steinigen Landschaft, das sie reizt. Stärker als in anderen ihrer Darstellungen treffen in diesen Blättern Licht und Schatten, hell und dunkel aufeinander.
Die Radierung ist eine bevorzugte Technik im Schaffen Katja Langs. Sie handhabt sie souverän, dabei unaufgeregt und sparsam. Technische Effekte um ihrer selbst willen sind der Künstlerin fremd. Oft ritzt sie ihre Motive mit der kalten Nadel ins Metall, mit Kraft gilt es, den Widerstand des Materials zu überwinden. Ein Grat bildet sich neben der vertieften Linie auf der Platte und liefert später beim Drucken einen tiefschwarzen, samtigen Ton. Sogar den Druck ihrer Grafiken besorgt die Künstlerin meist und in neuerer Zeit ausschließlich selbst, so dass der gesamte Werk-Prozess aus ihrer Hand stammt und handwerkliche Fertigkeit und künstlerische Intention eine vollkommene Synthese eingehen.
Häufig arbeitet die Künstlerin in Folgen und Büchern, wandelt Motive ab oder variiert Stimmungen. Nach den „Texten auf Ansichtskarten“ von Peter Altenberg, verfasst 1911 und vertont 1912 von Alban Berg, schuf sie ein gleichnamiges Leporello. Kein Text, sondern ein Klavierwerk des französischen Komponisten Olivier Messiaen aus der zweiten Hälfte der 1950er Jahre lieferte ihr den Vorwand zur Serie „Katalog der Vögel“. Messiaen hatte in seiner Komposition „Catalogue d’oiseaux“ 13 Klavierstücke jeweils einem Vogel zugeschrieben und den Zyklus seiner zweiten Frau Yvonne Loriod, einer Pianistin, gewidmet. Katja Lang schuf analog zu den Kavierkompositionen 13 farbige Aquatinta-Radierungen, von denen 7 hier vorgestellt werden. Wie in einem naturkundlichen Buch hat sie die gefiederten Sänger wiedergegeben: exakt und von einer charakteristischen Seite. Technisch verdanken sich die Blätter einem Ätzverfahren, durch das nicht nur Linien, sondern auch unterschiedliche Flächen erzeugt werden können. Für jede Farbe im Blatt wurde eine Platte hergestellt, die dann übereinander gedruckt worden sind. Die Vervielfältigung dieser Blätter besorgte der ausgewiesene Grafik-Drucker Matthias Mann.
Bemerkenswert sind die fünf Aquarelle dieser Ausstellung. Anders als die „Vögel“ und anders als unsere Erwartung von einem Aquarell sind sie nicht farbig, sondern diffizil Grau in Grau gestaltet. Das verhilft dem „Abend am See“ oder den „Lichtern der Stadt“ nicht nur zu einer nächtlichen Stimmung, sondern es schärft den Kontrast zwischen hellen Partien und tiefen Dunkelheiten und lädt das jeweilige Motiv spannungsvoll auf.
Katja Lang wurde 1968 in Karl-Marx-Stadt geboren. Sie hat zunächst in Dresden Architektur studiert, ein Fach, das bekanntlich nicht nur eine ingenieurwissenschaftliche, sondern auch eine künstlerisch-gestalterische Ausbildung umfasst. Von 2007–2009 absolvierte sie ein Meisterschülerstudium Malerei und Grafik an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden bei Elke Hopfe. Seit 2016 lebt und arbeitet die Künstlerin alternierend in Berlin und Chemnitz. In unserer Region ist sie dem Publikum seit vielen Jahren durch zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen, aber auch Einzelausstellungen bekannt. In der Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz, der Galerie Borsenanger oder dem Museum für Druckkunst Leipzig sind ihre Werke regelmäßig zu sehen.
Mit ihren stillen, ausgewogenen Bildfindungen hat sich Katja Lang längst einen Namen gemacht. Ihre Darstellungen der sichtbaren Welt sind keine Abbilder des Gegebenen. Auch da, wo wir Motive wiedererkennen, sind sie unalltäglich und verallgemeinert. Sie berühren etwas, was unsere visuelle Wahrnehmung übersteigt, was aber durch Literatur oder Musik auf andere Weise angeschlagen wird. In ihren Arbeiten geht es nicht um Innovation oder Experiment, sondern um die stille Selbstvergewisserung der eigenen Position in einer langen fruchtbaren kulturellen Tradition. Diese Ausstellung ist eine Einladung an uns, in den subtilen Blättern zu Verweilen und ihrem geistigen Bezugsfeld nachzuspüren. Nehmen wir diese Einladung an!
Ich wünsche Ihnen und uns allen intensive Begegnungen mit den Grafiken und Aquarellen von Katja Lang und der Ausstellung eine breite öffentliche Wahrnehmung!

Brigitta Milde zur Ausstellungseröffnung 14.11.2021, Gellert-Museum Hainichen

 

Ausgangspunkt vieler Arbeiten der Berliner Künstlerin sind Natureindrücke, denen sie in aufwändigen und sensiblen Druckgrafiken oder Aquarellen Ausdruck verleiht. Dabei sind immer wieder Parallelverbindungen zu anderen Künsten wie Literatur und Musik zu beobachten. Diese verschiedenen Welten treffen in von ihr gefertigten Künstlerbüchern kongenial aufeinander und regen zum intensiven Schauen und Erleben ein.

Für die 36. Leipziger Grafikbörse hat die Künstlerin mit Erzgebirge eine Kaltnadelradierung ausgewählt. Diese Technik, bei der mit der Radiernadel ohne Einsatz von Säure Vertiefungen in die Zink- oder Kupferplatte eingebracht werden, fasziniert durch ihre Direktheit und Reduktion. Katja Lang verzichtet konsequenterweise auch im Druck auf den effektvollen Einsatz von Farbe, wodurch sie den Betrachter in genau die Stille und Unaufgeregtheit versetzt, welche einer Schneelandschaft eigen ist.

Jannine Koch, Kuratorin der Ausstellung 36. Leipziger Grafikbörse im Kunstverein Duisburg

 

Obschon uns in Langs Oeuvre der Gegenstand, die Landschaft, das Gegenüber deutlich entgegentreten, erhebt die Künstlerin die Leere, ja den Abstand, der sich zwischen Rezipient und Arbeit, ihr selbst und dem Sujet auftut, zum Bildgegenstand. In den hier gezeigten grünblauen Radierungen, aber auch in anderen Arbeiten ihres Portfolios, etabliert sie die schwer fassbare Dimension der Atmosphäre, des Vakuums zwischen den Gegenständen, die zuweilen wie im Nebelschleier als Plattenton oder bewusst ungestaltete Fläche des Papiergrundes in der Radierung aufscheint. Atmosphäre wird zum autonomen Sujet und führt zur Offenlegung unserer eigenen Wahrnehmung.

Katharina Arlt in der Laudatio zu Von Angesicht zu Angesicht in der Galerie drei der Dresdner Sezession e.V. im Dezember 2020

 

Die Verbindung der Sprache nicht nur zum Bild, sondern auch zur Musik scheint keine geringe Faszination auf diese Künstlerin auszuüben. Zugleich machen die Blätter ihre künstlerisch wie handwerklich ausgeprägte Begabung deutlich. Die Radierung – auch eine von Thomas Ranft bevorzugte Drucktechnik – erfordert nicht nur hohes zeichnerisches Vermögen, sondern vom Beschichten über das Ätzen bis ggf. zum Andrucken auch Handfertigkeit und Geschick. Über beides verfügt Katja Lang in hohem Maße. Im Zulassen von zufällig sich ergebenden Werkspuren und bewussten, kontrollierten Eingriffen, in der Spannung von technisch Möglichem und gezielt Erreichtem zeigen die Altenberg-Blätter eine große künstlerische Bandbreite.  

Mit Thomas Ranft und Katja Lang präsentiert die Galerie Borssenanger zwei Künstler unterschiedlicher Generation. Beide kultivieren die subtile Form, beide arbeiten mit behutsamen Gesten im kleinen Format. Auf jeweils eigene Weise schaffen sie Bildwelten, die vielfältige Verbindungen in die Kunst- und Kulturgeschichte aufweisen, die in Vergangenes verknüpft – und für experimentell zu Eroberndes offen sind. Verwechseln kann man ihre Handschriften nicht, vergleichen ihre Herangehensweisen sehr wohl. Dazu bietet uns diese Ausstellung beste Gelegenheit.

Brigitta Milde zur Ausstellungseröffnung am 3.2.2017 in der Galerie Borssenanger, Katja Lang + Thomas Ranft | Weltall – Erde – Mensch | Zeichnung und Grafik

 

Ganz im Gegenteil, die Literatur ist in diesen Blättern Anlass, sich von der Sprache abzulösen und in ein anderes Fluidum hinüberzuwechseln. Ich sage bewusst Fluidum, denn das Fließende ist hier immer der bevorzugte Aggregatzustand; Sprache fließt in diesen Arbeiten, sie steht nicht fest auf dem Papier, Gedanken fließen, Gefühle ergießen sich … Die schmalen Formate, die – vertikal oder (meist) horizontal – für die Druckgrafik gewählt worden sind, unterstreichen diesen Eindruck. Der Übergang von einem Element in das nächste ist ein immer wiederkehrendes Motiv in den Arbeiten von Katja Lang.

…Ausstülpung, Ausschüttung, Ausgießung, Streuung … Wucherung und Verschwendung sind Begriffe, die mir zum Bild der Natur bei Katja Lang einfallen. Dazu kommt meist eine rhythmische, wellenförmige Bewegtheit, und oft gibt es eine Wasseroberfläche. Natur ist hier weniger, wie der Gemeinplatz lautet, Harmonie, als vielmehr Gelassenheit, aber auch die pure Verschwendung von allem, der Überfluss. Dem korrespondiert eine ähnliche Haltung im Duktus der Künstlerin.

Hans Brinkmann zur Ausstellungseröffnung: Katja Lang, Neue Arbeiten, Gesundheitszentrum Rosenhof am 25.2.2010